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Hochwassersicherheit im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Nordseegebiet: Eine Frage des Anspruchs?

Hochwassersicherheit im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Nordseegebiet: Eine Frage des Anspruchs?

Hochwassersicherheit im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Nordseegebiet: Eine Frage des Anspruchs?

Von Tim Soens

Umwelt und Geschichte, Band 19: 2 (2013)

Zusammenfassung: Ab dem späteren Mittelalter wurden die Feuchtgebiete an der Küste entlang der südlichen Nordsee zunehmend von einer Reihe katastrophaler Sturmfluten heimgesucht. Diese Hochwasserkatastrophen sind tief im kollektiven Gedächtnis der Küstengesellschaft verwurzelt und werden meist als Produkte meteorologischer Störungen, Umweltanfälligkeit oder technologischen Versagens diskutiert. In diesem Artikel wird eine alternative Lesart vorgeschlagen, die auf massive Verzerrungen bei der sozialen Verteilung des Hochwasserschutzes im späteren Mittelalter hinweist, die zur Erklärung der zunehmenden Häufigkeit von Sturmkatastrophen beitragen. Aufbauend auf dem ursprünglichen Anspruchsansatz von Amartya Sen wird argumentiert, dass das Recht der Küstenbauern auf Hochwassersicherheit vor vielen Hochwasserkatastrophen häufig schwere Rückschläge erlebte, die durch ungünstige wirtschaftliche Bedingungen, aber auch durch eine zunehmende Verletzung ihres Anspruchs auf Hochwasserschutz hauptsächlich durch Nicht-Katastrophen verursacht wurden Bauerngruppen, unterstützt von einer wachsenden Staatsmacht.

Einleitung: Im gesamten Nordseegebiet kam es im späteren Mittelalter wiederholt zu Flutkatastrophen und massiven Landverlusten in Küstenfeuchtgebieten: In England, den Niederlanden, Norddeutschland und Südskandinavien gingen Tausende Hektar zurückgewonnenes Land und Hunderte von Dörfern verloren Meer. Beispielsweise gingen in der Schelde-Mündung in der heutigen Provinz Zeeland (Niederlande) zwischen dem späten 13. und dem frühen 17. Jahrhundert mehr als 110 mittelalterliche Dörfer dauerhaft verloren. Und auf einer einzigen Insel vor der Westküste Schleswig-Holsteins in Norddeutschland - der Insel Strand - verschwanden mehr als zwanzig Dörfer, darunter das Handelszentrum Rungholt, einige davon während der sogenannten zweiten Marcellus-Flut im Januar 1362 und dann der Rest in der Burchardi-Flut vom Oktober 1634. In den letzten zehn Jahren wurde die Erforschung historischer Flutkatastrophen immer beliebter, nicht zuletzt aufgrund des allgemeinen Anstiegs des wissenschaftlichen und öffentlichen Interesses an allen Arten von Umweltrisiken, die mit dem Klima zusammenhängen könnten . Historische Untersuchungen haben den Vorteil, dass sie eine langfristige Perspektive sowohl auf das Auftreten als auch auf die Auswirkungen von Hochwasserkatastrophen bieten, die sich immer als Produkt eines komplexen Zusammenspiels von Umwelt- und Sozialfaktoren herausstellen.

Die Idee eines „Zeitalters der Stürme“ im späteren Mittelalter war bereits in den 1970er und 1980er Jahren gut in der Geschichtsschreibung verwurzelt, basierend auf frühen Forschungen zu extremen Wetterbedingungen von beispielsweise H. H. Lamb, E. Le Roy Ladurie und M. K. E. Gottschalk. Katastrophale Nordseestürme werden normalerweise durch atlantische Depressionen nördlich von Schottland verursacht, die sich anschließend nach Süden in den engen südlichen Teil der Nordsee bewegen. Der Wind fegt das Wasser auf, was in Kombination mit Flut zu extremem Hochwasser und katastrophalen Überschwemmungen führen kann. In den 1980er Jahren wurde eine erhöhte Häufigkeit solcher Sturmaktivitäten im Spätmittelalter dem kälteren und windigeren Klima am Ende der sogenannten mittelalterlichen Warmzeit und den kältesten Perioden der folgenden kleinen Eiszeit zugeschrieben. Die zunehmende Häufigkeit solcher Stürme könnte Perioden des wirtschaftlichen und demografischen Abschwungs wie die Krise des 14. Jahrhunderts verschärft haben, wie sie bereits 1991 von M. Bailey für England vorgeschlagen wurde. Sowohl aus sozialer als auch aus ökologischer Sicht haben die Küstenfeuchtgebiete in Das spätere Mittelalter war besonders anfällig für Sturmfluten geworden.