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Geschichte schreiben in einer papierlosen Welt: Archive der Zukunft

Geschichte schreiben in einer papierlosen Welt: Archive der Zukunft

Geschichte schreiben in einer papierlosen Welt: Archive der Zukunft

Von Ravinder Kaur

Geschichtswerkstatt Journal, Ausgabe 79 (2015)

Einleitung: Die Zentralität und Sicherheit von Papier ist in unserer Vorstellung von Archiven seit langem eine Selbstverständlichkeit. Die sorgfältig aufbewahrten Dokumente - Bücher, Akten, Notizbücher, private Briefe, Personalausweise, Memos, Karteikarten, Urkunden, Erklärungen, Petitionen - alle ordentlich nummeriert und katalogisiert - sind eng mit der Idee von Archiven verbunden. Papier als primäres Medium für Dokumentation, Aufzeichnung und Wissenszirkulation war in jüngster Zeit Gegenstand umfangreicher wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Betrachten Sie Lisa Gitelmans reichhaltige historische Darstellung des Lebens des Dokuments in Papier- und Papierform oder „Papierwissen“, wie sie es nennt, und wie es einen detaillierten Einblick in die Unauflöslichkeit der Materialität von Papier aus der Kunst der Dokumentation bietet. Die gut etablierte Verbindung von Archiven mit Staub auf Papierdokumenten und deren Sorgerecht durch die Regierung wurde eingehend untersucht. Papierkram - seine Natur, seine Widersprüche und Unvorhersehbarkeit und wie er das Bürokratiegebäude untermauert - ist Gegenstand zweier überzeugender historiographischer Arbeiten: Ben Kafkas Bericht über das Frankreich des 18. Jahrhunderts während der Revolution und Matthew Hulls Regierungsgeschichte im städtischen Pakistan im Jahr Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Gerade als wir beginnen, die Arbeit des Papiers bei der Organisation unseres Lebens, die Räume, in denen wir leben, und die Art und Weise, wie wir mit Behörden interagieren, zu verstehen, scheinen wir in eine papierlose Welt einzutreten, die zunehmend durch biometrische Identifikation, digitale Dokumente und Sofortnachrichten definiert wird und eine neue Form der Öffentlichkeit über soziale Medien im Internet. Es scheint, dass die übliche Papierspur, die die Gegenwart für die Historiker hinterlässt, sich ausdünnt oder zumindest im Wettbewerb mit ihrer digitalen Form um Aufmerksamkeit und Raum drängt.

Die Frage, die ich hier stellen möchte, betrifft die Form von Archiven, die den Historikern des frühen 21. Jahrhunderts zur Verfügung stehen werden. Oder anders ausgedrückt - was bleibt für die zukünftigen Historiker von der zeitgenössischen Gegenwart anstelle von Papier übrig? Die größere Frage bezieht sich auf das Projekt des Geschichtsschreibens oder darauf, wie wir den Begriff der Vergangenheit selbst in einem beschleunigten digitalen Zeitalter schnelllebiger sozialer Medien überdenken könnten. Allerdings wurden Bedenken hinsichtlich der Archive der Zukunft bereits in unterschiedlicher Form geäußert. Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt warnte der Historiker Roy Rosenzweig vor den Problemen der „Bewahrung unseres digitalen Kulturerbes“, da sich die Möglichkeiten zur Archivierung der digitalen Gegenwart noch in der Entwicklungsphase befanden.

Er artikulierte dies um das doppelte Problem der raschen Digitalisierung - die Informationsüberflutung einerseits und die Knappheit an Archivunterlagen andererseits. Als Rosenzweig 2003 seine Historikerkollegen auf die Probleme künftiger Archive hinwies, gewann die digitale Welt immer noch an Fahrt. Seine Besorgnis über die „schnelle Anhäufung von Daten“ zu diesem Zeitpunkt resultierte beispielsweise aus der zunehmenden Präsenz der Google-Suchmaschine und der Indizierung und Bestellung von Websites sowie der Rückgabe großer Informationsmengen an Suchanfragen. Als Google 1998 gestartet wurde, gingen täglich etwa 10.000 Suchanfragen ein. bis 2004 war diese Zahl auf 200.000 angewachsen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Google-Suchmaschine jedoch in einem unvorstellbaren Ausmaß vervielfacht. Im Jahr 2014 verarbeitete Google durchschnittlich 40.000 Anfragen pro Sekunde, 3,5 Milliarden Anfragen pro Tag und 1,2 Billionen Anfragen pro Jahr. Die Größe des Internets selbst ist inzwischen exponentiell gewachsen - von einer einzigen Website im Jahr 1991 auf etwa eine Milliarde im Jahr 2014.


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