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Europas viele Welten und ihre globalen Verbindungen

Europas viele Welten und ihre globalen Verbindungen

Europas viele Welten und ihre globalen Verbindungen

Von Dirk Hoerder

Beihefte der Francia62 (2006)

Einleitung: »Europäische Geschichte« - die Konnotation des Konferenzthemas impliziert einen Kontinent, ein geografisches Bild oder die Grenzstaaten des modernen Europa, ein politisches Bild!. Die verborgenen mentalen Karten und Bilder der Welt, in der wir leben, strukturieren und definieren unsere analytischen Konzepte. Unter »der Welt, in der wir leben« verstehe ich die gesamten sozioökonomischen Arrangements, die Machtstrukturen und partizipativen Optionen, die Spuren, die unsere Sozialisation in unseren Köpfen hinterlassen hat, und die Diskurse, in denen wir uns ausdrücken und entschlüsseln, was wir erleben. »Europa« ist eine Kurzform mit vielen Bedeutungen.

Als in Büros noch Kurzschrift verwendet wurde, war es selbstverständlich, dass Sachbearbeiter ohne Schulung Kurzschrifttexte nicht entschlüsseln konnten. Im Gegensatz dazu wird angenommen, dass Menschen, die in ein Gebiet hineingeboren wurden, solche Codes entschlüsseln können, wenn es um das historische Gedächtnis geht. Von frühester Kindheit an werden die Gedanken der Kinder in die vertrauenswürdige Welt der Familie und Verwandten mit verschlüsselten sozialen und historischen Bedeutungen eingeschrieben. Sie sind nicht in Schulen ausgebildet, um die Bedeutungen der Chiffren in einen Volltext zu erweitern und sie ohne Frage als »was tatsächlich passiert ist« an ihre Kinder weiterzugeben. Auch Historiker sind durch solche Sozialisationen belastet. Können wir als Historiker von Männern und Frauen mit Migrationshintergrund auf Karten des 18. Jahrhunderts oder auf mittelalterliche, überlappende und vielschichtige soziale Räume Europas zurückgreifen?

Durch vielfältige Migrationen haben Gesellschaften der Vergangenheit Völker verschiedener ethnokultureller, religiöser, handwerklicher und anderer Gegenstände einbezogen. Die Religion war bis ins 16. Jahrhundert transeuropäisch gewesen, mit Grenzen zwischen dem römischen und byzantinischen Christentum und innerhalb des römisch-europäischen Bereichs zu lokal unterschiedlichen Lesarten der grundlegenden Texte, sogenannten Häresien. Europas Staaten wurden von transeuropäischen Dynastien regiert und politische Regime von transeuropäischen politischen Denkern konzipiert.

Innerhalb solcher »absolutistischen« Staaten hat die Vielzahl religiöser Gruppen, territorialer Einheiten von Subjekten und Zuwanderer ihren besonderen Status ausgehandelt. Mit dem Aufkommen der »Nation« als Bestandteil des Staates im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die nationale Kultur zum absoluten Zeichen der Zugehörigkeit - weit weniger verhandelbar als jede absolutistische Struktur. Den vielen Kulturbewohnern sowie den Zuwanderern in einem Gebiet wurde eine kulturelle Homogenisierung auferlegt. Die transeuropäischen intellektuellen Eliten verwandelten sich in Torhüter von Besonderheiten, die »Nationen« genannt wurden. Während die Menschen seit der Reformation durch eine Variante der christlichen Kirche definiert worden waren und sich vielleicht selbst definiert hatten, wurden sie nun durch ethnische Zugehörigkeit, ethnokulturelle oder ethnogenetische Zugehörigkeit definiert. Während die Fundamentalisten der Religion in der Vergangenheit Massen von Flüchtlingszuschüssen erzeugt hatten, errichteten die Fundamentalisten der Nation kulturelle Grenzen, um Minderheiten einzäunen und kulturelle »andere« von benachbarten oder fernen Kulturen fernzuhalten…

In diesem Aufsatz schlage ich differenzierte Karten vor. Zunächst werde ich auf die drei Europa des Mittelalters eingehen: die trikontinentale mediterrane Welt, die aus Skandinavien stammende Nordwelt und das Zwischeneuropa nördlich der Alpen und südlich der Ostsee. Zweitens wende ich mich der Verbundenheit Europas mit Kulturen auf anderen Kontinenten und den daraus resultierenden innereuropäischen Migrationen zu. Drittens analysiere ich die Konsequenzen des Wandels von dynastischen zu nationalstaatlichen Gesellschaften für kulturelle Interaktion und Migranten. Ich wende mich dann den atlantischen Arbeitskräften und europäischen Flüchtlingsmigrationen des 19. und 20. Jahrhunderts zu und diskutiere abschließend die Probleme, die die historiographisch bedingte Unsichtbarkeit von Migration und kultureller Interaktion für die Politikgestaltung in der Gegenwart und für Strategien für die Zukunft bedeutet.


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