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Sexuelle Gewalt im frühmittelalterlichen Westen

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Sexuelle Gewalt im frühmittelalterlichen Westen

Von Przemysław Tyszka

Acta Poloniae HistoricaNr. 104 (2011)

Einleitung: Das Konzept der „sexuellen Gewalt“, das in der einschlägigen Literatur, im akademischen Diskurs, in der institutionalisierten Sprache und in der Umgangssprache enthalten ist, ist eine zeitgenössische Konstruktion, die unter dem Einfluss aktueller sozialer und kultureller Phänomene entstanden ist. Von zentraler Bedeutung ist hier die Idee der Menschenrechte, insbesondere der Frauen und Kinder. Das zeitgenössische Verständnis der Handlungen und Ereignisse, die hinter einem solchen Konzept lauern, sollte folglich nicht als universell, transhistorisch oder sogar als ahistorisch behandelt werden. Das Phänomen der sexuellen Gewalt ist ein historisches Phänomen, das sich als solches verändert. Sexuelle Gewaltakte, die als Übertretung der in einer bestimmten Gesellschaft geltenden sexuellen Normen wahrgenommen wurden - kriminelle Handlungen, schlechte Taten, Sünden - existierten offensichtlich im frühen Mittelalter gleichermaßen. Die damaligen Menschen behandelten diese Handlungen jedoch nicht als gegen eine konzeptionell isolierte „Sexualität“ gerichtet, sondern gegen körperliche Unverletzlichkeit und die Tugend des Einzelnen. Wir sollten daher sexuelle Gewalt in ihrer frühmittelalterlichen Form unter Berücksichtigung der Besonderheiten dieser Epoche und insbesondere der damals aktuellen Prinzipien und Konzepte der sozialen Ordnung sowie der Verhaltensmuster von Männern und Frauen charakterisieren. Dieses Postulat gilt für die Erforschung jeder Epoche und historischen Gesellschaft.

Die Frage nach dem Umfang des diskutierten Phänomens hat nicht nur theoretischen und methodischen Charakter. es hat auch eine genaue praktische Dimension. In frühmittelalterlichen Quellen stoßen wir auf viele verschiedene Handlungen und Verhaltensweisen, die (mehr oder weniger) den Einsatz von Gewalt betrafen und mit der sexuellen Sphäre verbunden waren. Ein Forscher muss daher jedes Mal eine Entscheidung treffen, ob das gegebene Ereignis oder die Form des Verhaltens eine Manifestation sexueller Gewalt war oder nicht.

Die allgemeinste Frage in Bezug auf die Definition und gleichzeitig den Umfang dieses Phänomens in der Vergangenheit kann folgendermaßen formuliert werden: Wie ist das Verhältnis zwischen Gewalt und Sexualität? Und noch genauer: Wie soll man das Konzept der Sexualität (der sexuellen Sphäre) im Kontext von Gewalt verstehen? Infolgedessen treten mehrere wichtige Fragen sowohl allgemeiner als auch spezifischer Natur auf. Erstens: Welche Art von Handlungen betrachten wir als sexuelle Gewalt im Zusammenhang mit dem frühen Mittelalter? Und insbesondere: Kommt das Phänomen auf eine erzwungene sexuelle Handlung zurück (im weitesten Sinne des Wortes, d. H. In einer Situation, in der jemand gegen den Willen einer anderen Person sexuelle Befriedigung erreicht)? Handelt es sich auch um Handlungen, die gegen den Willen einer anderen Person durchgeführt werden und die mehr oder weniger Gewalt erfordern, aber nicht zu sexuellen Handlungen führen, wie zum Beispiel das Schlagen oder Ermorden eines Vergewaltigungsopfers mit dem Ziel ihn / sie einzuschüchtern oder die Identität des Täters zu vertuschen? Ist sexuelle Gewalt nicht eindeutig mit körperlicher Gewalt oder nur mit körperlichem Kontakt? Bedeutet das Konzept wie im Prinzip das Entstehen von Körperverletzung oder kann es auch in erster Linie moralischen Schaden darstellen?


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