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Die Darstellung von Juden in den Karnevalsspielen und Komödien von Hans Folz und Hans Sachs in der Frühen Neuzeit in Nürnberg

Die Darstellung von Juden in den Karnevalsspielen und Komödien von Hans Folz und Hans Sachs in der Frühen Neuzeit in Nürnberg

Die Darstellung von Juden in den Karnevalsspielen und Komödien von Hans Folz und Hans Sachs in der Frühen Neuzeit in Nürnberg

John D. Martin (Universität von Texas in Austin)

Baylor Journal of Theatre and Performance: Vol.3: 2 (2006)

Abstrakt

Bakhtins Theorie der sozialen Funktion des Karnevalsspiels (Fastnachtspiel) charakterisierte die Hauptfunktion von Karnevalsspielen darin, Klassenspannungen und gruppeninterne Feindseligkeiten abzubauen, indem sie Mitgliedern verschiedener Gruppen einen Ausgang für Aggressionen bot und Impulse gab, die sich sonst ausdrücken würden in Gewalt oder störenden Verhaltensweisen in sorgfältig modulierte öffentliche Anzeigen von übermäßigem Konsum (z. B. Trunkenheit, Völlerei, inszenierter sexueller Humor) und oft sexueller oder skatologischer Verspottung herrschender Eliten durch leicht erkennbare Typenszenen und Charaktere (z. B. der dumme alte Gildenmeister, der vom Hurenpriester betrogen wurde) , der Kaufmann täuschte sich, eine Tüte mit seinem eigenen Kot zu kaufen). Obwohl dieser Bericht über die Rolle des Fastnachtspiels in der spätmittelalterlichen deutschen Gesellschaft auf den ersten Blick überzeugend ist, wurde er nicht als erschöpfende Erklärung ihrer öffentlichen Funktionen und politischen Verwendungszwecke akzeptiert, die sowohl Kritik als auch Bestätigung von Autoritätspersonen beinhaltete.

Der größte Fehler im bachtinischen Modell besteht darin, dass es eine Form des Theaters beschreibt, die bestehende soziale Strukturen stärkt, ohne das Fortbestehen von Autoritätshierarchien zu gefährden oder die politischen Einstellungen und Verhaltensweisen des Publikums zu ändern. Im Folgenden wird beschrieben, wie Hans Folz und Hans Sachs aus Nürnberg das spätmittelalterliche Karnevalsspiel von einem Ausgang für ansonsten unterdrückte Impulse - dem bachtinischen Karnevalsmodell „Social Safety Valve“ - in ein Mittel zur Herbeiführung eines sozialen, politischen Wandels verwandelten. Da diese Entwicklung bereits von Gelehrten des Fastnachtspiels in gewissem Maße diskutiert wurde, werde ich hier genauer diskutieren, wie Folz und Sachs 'jeweilige Darstellungen von Juden in Karnevalsspielen und Komödien die Bedingungen der in oder um sie herum lebenden Juden beeinflussten (oder nicht beeinflussten) Nürnberg im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert. Diese Studie wird somit zeigen, dass sowohl das bachtinische Modell als auch seine Kritiker zu unserem Verständnis des Fastnachtspiels und zur Entwicklung der frühneuzeitlichen deutschen Haltung gegenüber Juden beitragen.